Zu den „Roten Wässern“ rund um Türnich – Langzeitfolgen des Braunkohlentagebau
Zu den Roten Wässern rund um Türnich – Spätfolgen des Braunkohlentagebaus am Beispiel der Berrenrather Börde
Die grüne Fraktion konnte fast 20 Teilnehmer/innen bei ihrer 2. Politischen Wanderung begrüßen. Die Tour führte vom Marktplatz in Türnich über die Berrenrather Börde, erster Halt war der Gedenkstein für die Kirche St.Rochus /Balkhausen. An dieser Stelle gab es zahlreiche Informationen zur Geschichte der Tagebaue wie auch der Rekultivierung. Landwirtschaftliche Betriebe lagen an unserem Weg, leider hatte ein Landwirt auch die Straße unter den Pflug genommen. In der Sache haken wir nach, da so etwas im Stadtgebiet keine Seltenheit ist.
Weiter ging es in Richtung B264 zu einer Austrittsstelle der Roten Wässer an der Zufahrt zu einzelnen Firmen. Hier wie an anderen Stellen haben wir erhöhte Werte für Nickel und im Sediment auch für Cadmium festgestellt Den gesamten weiteren Weg entlang der B 264 begleiteten uns die roten Bäche und die weiträumig überfluteten Waldstücke. Das Ausmaß bot intensiven Diskussionsstoff. Nach einem Abstecher zum Regenüberlaufbecken im Industriegebiet Türnich II/III (die von uns gemessenen pH-Werte schwankten in den letzten Monaten zwischen 2,8 und 3,4) ging es nach einer Kaffeepause auf die andere Seite der Kreuzung zu der stelle, an denen wir erhöhte Cadmiumwerte festgestellt haben Entlang der Maximilianstraße ging zurück zum Markt, wo wir eine gemütliche Endrast hatten. Alle Teilnehmer/innen waren betroffen über das Ausmaß der Flächen, die von den roten Sickerwässern aus dem alten Tagebaugebiet überflutet sind. Die Nachweise von erhöhten Schwermetallwerten im Sediment belegen, dass es sich eben nicht nur um Eisen handelt, das hier austritt. „Wie einem Schreiben des Erftverbandes zu entnehmen ist, so Jutta Schnütgen-Weber, „wird zur Zeit ein Gutachten erstellt, das endlich Klarheit schaffen soll über die Konzentration der Schwermetalle, die im Wasser und besonders auch in den Böden vorhanden sind.“ Danach wird man sehen, ob Sanierungsmaßnahmen geplant und durchgeführt werden. Die grüne Fraktion bleibt an dem Thema auf jeden Fall dran und wird über neuere Erkenntnisse informieren“.
Die grüne Ratsfraktion ist seit Jahren mit den Spätfolgen der Tagebautätigkeit im Bereich der Berrenrather Börde befasst. Ursache sind die für jedermann erkennbaren „Roten Wässer“, die großflächig am nördlichen und westlichen Rand der Berrenrather Börde im Bereich des Stadtgebietes von Kerpen zu finden sind. Das Ausmaß und auch die besondere Problematik der Roten Wässer für die Umwelt deutlich zu machen, ist das Ziel unserer heutigen Wanderung.
Zur Historie der Tagebautätigkeit im Bereich der Berrenrather Börde(1): Beginn der Erschließung während WK 1; der erste Abraumbagger wurde 1915 in Betrieb genommen; 1917 Beginn der Brikettproduktion in der Brikettfabrik Berrenrath; 1940 betrug die Förderung 1,1 Mio t Rohkohle /a; diese wurde an die Briketttfabriken Concordia und Hubertus geliefert. 1956 Zusammenschluss der Gruben Berrenrath und Berrenrath-West. Durch die Großtagebaue im Norden erfolgte in den 50er Jahren ein Rückgang der Förderung, am 24.Februar 1970 wurde der letzte Kohlenzug bestückt. Gesamtbilanz: 400 Mio t Rohkohle aus den Gruben Berrenrath und Berrenrath-West. Rekultivierung der Tagebaue Berrenrath und Berrenrath-West ab Mitte der 1960er-Jahre unter Leitung von Gerhard Olschowy: die Berrenrather Börde galt lange als Musterbeispiel einer landwirtschaftlichen Tagebaurekultivierung(2).
Schon frühzeitig wurden Altlasten bekannt, hps. die Deponierung von Giftgasgranaten(3) . Das Material war Ende der 60er Jahre mit Genehmigung der Bezirksregierung im ehemaligen Tagebau Berrenrath (Bereich Roddergrube) abgelagert worden. Interessanterweise wird diese Kriegslast in einer Zusammenstellung des NRW-Ministeriums für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft von 1991(!!) nicht dokumentiert(4).
2006 wurde für die Grünen eine Wasseranalyse aus dem „Regenüberlaufbecken Türnich“ erstellt. Die am 22.6.2006 genommene Wasserprobe enthielt mitnichten nur Eisen, sondern erhöhte Werte für Kobalt (0,47 mg/l ) und für Nickel (0,45 mg/l). Der Grenzwert liegt nach Aussage des Labors bei 0,05mg/l.
Bis heute sind die Eigentumsverhältnisse des Regenrückhaltebeckens unklar. Am 16.10.2006 schrieb RWE, dass das Becken zur Hälfte im Besitz der Stadt Kerpen und der RWE Power AG sei. „Ein regelmäßiger Überlauf aus dem Becken in die nachfolgenden Gewässerabschnitte ist nicht zu beobachten, eine weitere Klärung dieser sporadisch abfließenden Wässer erfolgt nicht.“
Wir werden bei der Wanderung voraussichtlich sehen, dass das Becken in Richtung Erft überläuft.
Dr. Robert Bininda (Rhein-Erft-Kreis), Leiter Wasser, Abfallwirtschaft und Bodenschutz wurde in einem Presseartikel(5) zu den Schwermetallmesswerten der Grünen zitiert: „Das ist schon komisch.“
Die Vertreter der anderen im Rat vertretenen Parteien hatten leider 2008 kein Interesse, sich dem Antrag der grünen Fraktion (3.3.2008) anzuschließen, dass die Stadt eigene Messungen vornimmt.
Mit Schreiben vom 1.4.2008 erläuterte Herr Dr. Bininda die Unbedenklichkeit der Wässer aus dem Rückhaltebecken und fügt Analysen von dem Labor Sibylla bei, nach unseren Recherchen ein RWE Umweltanalytik Labor. Interessanterweise liegen die pH-Werte, die das Labor gemessen hat, bei der Eluatprobe bei 6,0. Ein Wert, den die Grünen noch nie in dem Bereich messen konnten (unsere Messwerte schwanken zwischen 2,9 und 3,6). Bei höheren pH-Werten bleiben die Schwermetalle gebunden und es finden sich in den Analyseergebnissen dieses Labors keine erhöhten Werte für Schwermetalle.
Für Stadt und Untere Wasserbehörde ist der Fall damit gelöst. Auf Nachfrage wird der grünen Fraktion mitgeteilt (in 2010!), dass RWE sich nicht gänzlich aus der Pflicht nimmt und eine Diplomarbeit unterstützt, die sich mit der Thematik beschäftigt.
Für die grüne Fraktion, insbesondere Bernd Krings und Jutta Schnütgen-Weber, ist damit gar nichts erledigt, quellen doch überall belastete Wässer aus den Hängen am Rand der Börde und überfluten weite Flächen. Im Sommer 2010 schicken sie Bodenproben von mehreren überfluteten Stellen an ein Umweltanalytik-Labor (Reblu GmbH, Filderstadt). Interessanterweise sind dieses Mal die Cadmiumwerte erhöht, in einem Fall (Standort südlich der B 264 im Bereich der Kreuzung mit der Maximilianstraße) liegt er bei 2,28 mg/kg Boden, immerhin ein Überschreiten des Grenzwertes der Klärschlammverordnung. In allen Wasserproben messen wir erhöhte Nickelwerte, allerdings können wir das nicht weiter präzisieren.
Mit der 2. Politischen Wanderung will die grüne Fraktion das Problem allgemeiner bekannt machen und erläutern. Es ist uns klar, dass durch die Pyritverwitterung saure Wässer entstehen und dass die Nebengesteine in den Berrenrather Gruben z.T. sehr pyrithaltig sind. Immer damit im Gefolge werden aber Schwermetalle freigesetzt, das Problem ist ein weltweites und als „Acid mine drainage“ bekannt. Es kann nach unserer Auffassung aber nicht sein, dass RWE Power seit Jahrzehnten fast nichts tun muss, um den Eintrag der Schwermetalle auf die Böden und in die Erft zu verringern. Und dass eine Stadtverwaltung weiterhin auf stur schaltet und die grüne Ratsfraktion an den Kreis, den Erftverband, an die ULB verweist. Das Umweltproblem besteht auf Kerpener Stadtgebiet und so ist es die Pflicht der Politik zu handeln. Es reicht nicht, wenn die Stadtverwaltung das Auftreten von erhöhten Cadmiumwerten als „Mysterium“ bezeichnet und das Regenüberlaufbecken in das „Nirwana“ verlegt (6).
Eine neue Diplomarbeit sollte eigentlich nicht notwendig sein, hatte doch der heute an der Uni Bochum tätige Prof. Frank Wisotzky (der jetzt die Diplomarbeit vergibt) schon 1994(7) formuliert: „Die bereits in den Versuchsanschüttungen beobachtete Mobilisierung der Spurenelemente (!) Kobalt, Nickel, Zink und Arsen führt auch im Grundwasser der Kippe Berrenrath zu hohen Konzentrationen an den genannten Elementen.“(S.121/ vgl.auch S. 135). Bei pH-Werten unter 6,3 werden zunehmende Nickelkonzentrationen im Grundwasser der Kippe Berrenrath dargestellt (vgl. S.136).
Also warum forschen, wenn man eigentlich alles weiß?
Ausblick: Neue Wasserproben sind für eine Analyse noch unterwegs. Wir sind gespannt auf die Werte, die wir erneut publizieren werden. Es ist zu befürchten , dass bedenkliche Werte gemessen werden. Wir werden weiter Druck machen! Ihre grüne Ratsfraktion.
Weitere Auskünfte bei
Bernd Krings (02237/61465) und
Jutta Schnütgen-Weber (0172/9485089)
