Stadtverband allgemeinAktuellesTermineVorstandSatzungGRÜNE ThemenUnsere ArbeitsgruppenKlimaschutzIntegrationEnergieTierschutzStolpersteineGRÜNE Aktionen aktuellGRÜNE Aktionen im RückblickGRÜNE InternetadressenKontaktImpressum

Gedenktafel - und dennoch auch Stolpersteine!

 

Am 9. November dieses Jahres wurde die Gedenktafel für die 152 von den Nazis ermordeten Juden aus Kerpen im Rahmen der alljährlichen Gedenkfeier an die Pogromnacht feierlich enthüllt. Dies ist ein würdiges Gedenken.

Auch wenn wir als GRÜNE in Kerpen diese Gedenktafel begrüßen und mittragen, fragen wir uns: warum wurde sie versteckt in einer wenig frequentierten Straße errichtet und nicht an einem zentralen Ort? Warum scheute man davor zurück, sie zum Beispiel vor dem Rathaus oder am Filzengraben, von wo aus jüdische Menschen in den Tod geschickt wurden, zu errichten? Ist dies nicht eher ein Zeichen dafür, dass das Gedenken an diese 152 Menschen möglichst aus dem Alltag verdrängt werden soll? Wir wissen aus eigener Anschauung, dass es auch anders geht.

Schon anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Stolpersteine“ im vergangenen Jahr haben wir darauf hingewiesen, dass eine zentrale Gedenktafel für uns kein Ersatz für die STOLPERSTEINE sein kann. Ein Stolperstein erinnert dort an den Menschen, wo sein Lebensmittelpunkt war, wo er mitten unter uns mit seiner Familie lebte.

An der Ecke Hahnenstraße/Kölner Straße erinnert eine Tafel an Ludwig van Beethoven, der dort seine Jugendjahre in Kerpen verbracht hat. In der Mähnstraße wurde vor geraumer Zeit eine Tafel errichtet, wo einst die Schuhmacherwerkstatt stand, in der Adolph Kolping gelernt hat. Dies sind wahrlich nicht die einzigen Orte der Erinnerung in unserer Stadt.

Und da sollte es nicht möglich sein, einen Stolperstein dort zu verlegen, wo ein Opfer der Naziherrschaft gelebt hat?

Dass dies nur mit Einverständnis  eventueller Nachkommen dieser Opfer geschehen kann, ist selbstverständlich. Aber es braucht auch die grundsätzliche Bereitschaft im Stadtrat in Kerpen, denn diese Stolpersteine  sollen auf öffentlichem Grund verlegt werden. Wo ein Wille, da ein Weg!

 

Eröffnung Ausstellung Stolpersteine am 9. November 2010

Jutta Solleveld, Sprecherin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Kerpen

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung „Stolpersteine“ am 9. November 2010

 

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

 

Als Sprecherin des Grünen Stadtverbandes freue ich mich sehr, Sie zur Eröffnung der Ausstellung „Stolpersteine“ begrüßen zu dürfen, und bedanke mich an dieser Stelle bei Gunter Demnig, dem Künstler, sowie Herrn Dr. Müller vom NS-Dokumentationszentrum in Köln, die uns die Exponate freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben. Frau Harke-Schmidt vom Stadtarchiv hat ihrerseits die Ausstellung um lokale Stücke ergänzt. Auch dafür meinen herzlichen Dank.

 

Für diejenigen unter Ihnen, die dieses Kunstprojekt noch nicht kennen sollten, kurz einige erläuternde Worte:

 

Der Künstler Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren.

Erstmals im Jahr 1997 verlegte er Stolpersteine in Berlin-Kreuzberg, damals noch ohne Genehmigung, später jedoch nachträglich legalisiert. Stolpersteine sind Pflastersteine in den Maßen 10 x 10 cm. Sie werden mit einer Messingplatte bedeckt, auf der die Namen von Menschen eingraviert sind, die während der Nazizeit verschleppt und ermordet wurden. Wenn ihr Todesdatum und der Ort ihrer Ermordung bekannt sind, werden auch diese Daten eingraviert.

 

Inzwischen liegen Stolpersteine in mehreren Ländern Europas und in über 500 Städten und Gemeinden in Deutschland, auch ganz in unserer Nähe: nicht nur in Köln, sondern auch in unseren Nachbargemeinden im Rhein-Erftkreis, z.B. in Brühl, Frechen und Bedburg.

"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern soll die Erinnerung an die Menschen lebendig erhalten bleiben, die hier einmal wohnten.

 

Nun wird sich der eine oder andere fragen: Warum ein weiteres Erinnerungsprojekt, wo es doch schon so viele Gedenkstätten, Gedenksteine, Denkmäler gibt und auch in Kerpen eine Gedenktafel in Vorbereitung ist?

Die Antwort ist einfach: Diese Form des Erinnerns ist eine ganz besondere, eine sehr persönliche: sie erinnert dort an die Opfer, wo sie einmal gewohnt haben, wo sie Nachbarn, Freunde, Schul- oder Vereinskameraden waren und nicht nur eine anonyme Masse von 6 Millionen ermordeter jüdischer Mitmenschen – von den Sinti, Roma, Kirchenleuten, Widerstandskämpfern, und Homosexuellen ganz zu schweigen.

Mit der unfassbaren Dimension dieses Verbrechens muss der normale menschliche Verstand schlicht überfordert sein   –   über einen Stein zu „stolpern“, vor dem ehemaligen Heim eines Opfers zu stehen, zu lesen, wo und wann es brutal ermordet wurde oder dass sich seine Spur im Nichts verliert   –   das ist eine ganz andere Sache. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber in meinem Kopf laufen dann Bilder ab von Lastwagen in nächtlichen Straßen: Menschen werden aus den Betten gerissen, aus den Häusern gezerrt, sie dürfen nur das Notwendigste mitnehmen, sie haben Angst, die Kinder schreien.  -  Ihre Nachbarn stehen hinter den Gardinen und schauen tatenlos zu (aus Angst und mit ohnmächtiger Wut oder mit stiller Billigung?), während bewaffnete Gestapo-Leute die Menschen brutal auf die Ladeflächen von Militärfahrzeugen verfrachten und ... - was weiter geschah, ist uns allen bekannt.

 

Empfinden wir das auch beim Betrachten einer Gedenktafel mit vielen, vielen Namen? Ich meine, nein.

 

Auch in Kerpen gab es diese Vorkommnisse, öfter als uns allen vielleicht bewusst ist. Die Opfer sind bei ihren ehemaligen Nachbarn, Freunden und Kameraden noch nicht vergessen. Noch wissen diese Kerpener, wo diese Menschen wohnten, was ihre Berufe und Hobbys waren, wie ihre Kinder hießen. Aber wie lange noch? Die Zahl der Zeitzeugen, der alten Menschen, die ihren Kindern und Kindeskindern erzählen können, wie es „damals“ war, in der schlimmen Zeit - sie schwindet von Tag zu Tag.

 

Wir, die Kerpener GRÜNEN sind davon überzeugt, dass die Stolpersteine einen bedeutenden Beitrag dazu leisten, das einzelne Opfer nicht zu vergessen, es auf diese Art und Weise aus der Masse herauszuheben und ihm seine frühere Heimat ein Stück weit zurückzugeben. Aus diesem Grund haben wir bereits zwei Anläufe unternommen, auch in Kerpen Stolpersteine legen zu lassen. Leider bisher ohne Erfolg. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden. Die Erfolge in unseren Nachbargemeinden ermutigen uns, weiter zu machen. Gut Ding braucht Weile!

 

Natürlich sind wir uns darüber im Klaren, dass nicht jeder von dieser Art des Gedenkens angetan ist. Es werden vielfältige Bedenken sowohl von Opferseite als auch z.B. von Seiten der Hausbesitzer angeführt. Alle diese Bedenken haben ihre Berechtigung und wollen und sollen bedacht werden.

Andererseits erleben wir sehr viel Zuspruch von Kerpener Bürgern, wann immer wir dieses Projekt ansprechen. So liegen uns bereits weit mehr Zusagen zur Finanzierung von Stolpersteinen vor, als überhaupt Steine verlegt werden können.

Seien Sie aber versichert, meine sehr verehrten Damen und Herren:

Wir gehen das Thema mit der erforderlichen Sensibilität an. Es ist selbstverständlich, dass vor einer Verlegung eines Stolpersteines das Einverständnis von ggf. ermittelbaren Angehörigen der Opfer eingeholt wird.

Lassen Sie mich an dieser Stelle auch noch anmerken, dass alle jüdischen Gemeinden in NRW mit ihren ungefähr 30.000 Mitgliedern hinter diesem Projekt stehen, auch die jüdische Gemeinde Köln, die für Kerpen zuständig ist. Sie würde eine Verlegung von Stolpersteinen auch in Kerpen sehr begrüßen. Über diesen starken Zuspruch – immerhin spricht die Kölner jüdische Gemeinde im Namen von knapp 5000 Mitgliedern – freuen wir uns natürlich ganz besonders.

 

Abschließend noch ein Wort zu den Kosten: Die Stolpersteine belasten keinesfalls das ohnehin schon arg strapazierte städtische Budget, sondern werden ausschließlich über Sponsoren finanziert. Für 95 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen. Die Stadt muss nur dafür sorgen, dass am Verlegungstag ein freundlicher Helfer mit geeignetem Werkzeug zur Verfügung steht, um den Platz auf dem Bürgersteig zu schaffen.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, danke, dass sie mir zugehört haben.

Ich übergebe nun an Frau Harke-Schmidt, und möchte sie anschließend zu einem kleinen Imbiss einladen – natürlich ökologisch, wie bei uns GRÜNEN üblich.

Dankeschön.

Immer noch keine "Stolpersteine" für Kerpen

Wie schon im Jahr 2003 wurde im November 2008 unser Antrag auf Verlegung von "Stolpersteinen" im zuständigen Ausschuss erneut abgelehnt. Zwar hatte die SPD inzwischen einen Sinneswandel vollzogen und stimmte dafür. Dennoch scheiterten unsere Bemühungen an der hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme.

Der Ausschuss beschloss allerdings die Anbringung eines Gedenksteins mit den Namen aller verschleppten und ermordeten Kerpener Juden an noch zu bestimmender Stelle. An sich keine schlechte Idee, aber als Ersatz für die "Stolpersteine" für uns nicht akzeptabel. Sinn macht eine solche Anbringung im übrigen auch nur, wenn sie an prominenter Stelle (z. B. direkt vor dem Rathaus) erfolgt.

Im Vorfeld der Abstimmung sah eigentlich alles gut aus, so dass wir sehr optimistisch waren. Wenige Tage vor der Ausschusssitzung tauchte jedoch plötzlich der mehrseitige Brief einer jüdischen Dame aus Hamburg auf, deren Familie seinerzeit in Kerpen lebte und dort von den Nazischergen verschleppt und in den Konzentrationslagern ermordet wurde.

Die Dame lehnt das Projekt "Stolpersteine" grundsätzlich ab, da die Steine im Boden verlegt und daher "mit Füßen getreten" und auch sonstigen Verschmutzungen ausgesetzt werden. Dies sei kein würdiges Gedenken an die Opfer. Nun ist dieses Argument nicht neu. So in etwa formuliert es beispielsweise auch Charlotte Knobloch, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden, die damit die Verlegung von Steinen in München verhindert hat.

Zweifellos lässt sich über diese Form des Gedenkens trefflich streiten, und selbstverständlich müssen und werden wir die Gegenargumente nicht nur anhören, sondern es auch respektieren, wenn jemand für seine Familie oder vor seinem Haus keinen "Stolperstein" haben möchte. Dennoch muss es doch erstaunen, dass quasi in letzter Minute vor der Ausschusssitzung der Brief einer Betroffenen auftaucht, die bisher u. W. nie in Erscheinung getreten ist. Man fragt sich, wie die Kunde "rechtzeitig" von Kerpen nach Hamburg gelangt sein mag.

Im Herbst 2009 werden die Karten neu gemischt – dann werden wir einen weiteren Versuch unternehmen.

Interesse? Hier gibt’s Informationen:

Martina Bötig, Telefon 02237 545 62, Mail martina.boetig at web.de

Jutta Solleveld, Tel. 02237 - 925 021, Mail jutta.solleveld at gruene-kerpen.de.

 

Führungen zu den Kölner "Stolpersteinen" (z. B. in Ehrenfeld) bietet auf Anfrage der Verein "Spurenlese" an.

www.spurenlese.de

 

 

"Stolpersteine" - auch in Kerpen

Bereits im Jahr 2003 wurde im Rat durch die UWG – unterstützt von der GRÜNEN Fraktion - der Antrag auf Verlegung so genannter "Stolpersteine" in Kerpen gestellt. Dieser scheiterte am teils massiven Widerstand von CDU und SPD. Argumentiert wurde mit der vermuteten Ablehnung der Kerpener Bürger, insbesondere derjenigen, vor deren Häusern die Steine verlegt werden sollten.

Wir halten dieses Projekt  – insbesondere vor dem Hintergrund unserer Städtepartnerschaft mit Oswiecim – jedoch für so wichtig, dass wir erneut einen Antrag im Rat eingebracht hatten, über den dann im November 2008 leider erneut ablehnend entschieden wurde. 

Andere Städte im Rhein-Erft-Kreis und auch in dessen unmittelbarer Nachbarschaft haben es uns längst vorgemacht. Warum sollte der Widerstand also ausgerechnet in Kerpen größer sein als anderswo?

"Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe." (Elias Canetti)

Warum "Stolpersteine"? Unsere Enkel und Urenkel werden kaum noch wissen, was im Dritten Reich geschah. Sie werden keine Vorstellung mehr davon haben, was der Holocaust war. Selbst da, wo der Geschichtsunterricht den Nationalsozialismus als Schwerpunkt behandelt, kommt bei den Jugendlichen erschreckend wenig an.

Wenn die Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus’ nicht nur eine Worthülse sein soll, müssen wir die Erinnerung an kommende Generationen weitergeben. Dies umso dringlicher, als in naher Zukunft keine Überlebenden und Zeitzeugen des Nationalsozialismus’ von ihrer Erfahrung werden berichten können.

Die KZ-Gedenkstätten müssen vom Bund als Lernorte gefördert, gestaltet und mit pädagogischem Personal ausgestattet werden, um mit Schulen wirkungsvoll kooperieren zu können. Denn nirgendwo kann so eindringlich das Wissen über die Nazi-Verbrechen vermittelt werden, wie an den authentischen Orten des Grauens. Ein Museumsbesuch kann dies nicht ersetzen.

Wenn sich das Gedenken an die Opfer nicht auf offizielle Feiern beschränken soll, müssen wir aber auch stärker als bisher Initiativen aus der Mitte der Gesellschaft fördern. Die "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig sorgen beispielhaft für eine lebendige und vielfältige "Erinnerung von unten". Eine Politik, die das Erinnern den öffentlichen Institutionen überträgt, wird keine lebendige Erinnerungskultur schaffen.

Darum: "Stolpersteine" auch in Kerpen, denn

"Der einzige Weg der Befreiung führt durch das Erinnern." (Imre Kertész)

 

Was sind "Stolpersteine"?

 

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt seit vielen Jahren und in zahlreichen Städten und Gemeinden auf der ganzen Welt mit großem Erfolg so genannte "Stolpersteine". Dabei handelt es sich um 10 x 10 cm große, mit einer Messingoberfläche versehene Pflastersteine, die er im Bürgersteig vor den ehemaligen Wohnstätten von Opfern des nationalsozialistischen Terrors – vornehmlich Juden, aber auch Homosexuelle, Sinti und Roma – verlegt. Auf diesen "Stolpersteinen" sind die Namen und Todesdaten der Opfer eingraviert. Weltweit hat Demnig bereits über 12.000 dieser Steine verlegt. Die Kosten von 95,- Euro werden ausschließlich über Sponsoren oder Patenschaften getragen; den Städten und Gemeinden entsteht dadurch keinerlei finanzieller Aufwand.

Gunter Demnig erhält Giesberts-Lewin-Preis 

Der Künstler Gunter Demnig, Schöpfer des Projekts "Stolpersteine", erhält in diesem Jahr den Giesberts-Lewin-Preis der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Damit werde der Kölner für seinen langjährigen Einsatz "gegen das Vergessen von Nazi-Unrecht" gewürdigt, teilte die Gesellschaft mit. Die Auszeichnung erinnert an den Kölner Beigeordneten Johannes Giesberts und den Heidelberger Historiker Shaul Lewin, der als Schuldezernent in Tel Aviv wirkte. Beide gelten als Initiatoren für den Beginn des Jugendaustauschs zwischen Köln und Tel Aviv in den 60-er Jahren.

 



Seite Empfehlen       Seite drucken